Von Heinz-Paul Bonn, Vorsitzender des „Kuratoriums Digitales Deutschland“


Das Kürzel „VC“ steht allgemein für Venture Capital. Doch künftig steht es auch für das Land, in dem die meisten VC-Investitionen getätigt werden: Volksrepublik China! Allein die fünf größten Deals, die weltweit im zweiten Quartal des laufenden Jahres getätigt wurden, gingen sämtlich in das „Reich der Mittel“! Die Deals im Gesamtwert von fünf Milliarden Dollar finanzieren das Wachstum von hierzulande weitgehend unbekannten Startups: Manbang Group (Internet Services), Grab (Mobile Commerce), Ubetech Robotics (Consumer Electronics), Hellobike (Mobile Commerce) und SenseTime (Engineering Software).

Nur wenig mehr, nämlich 5,7 Milliarden Dollar, wurden im gleichen Zeitraum in ganz Europa für Startups und sonstige Neugründungen investiert. Dabei verteilte sich das Venture Capital auf 659 Unternehmen. Auch wenn auf dem Alten Kontinent die Zahl der Unicorns – also der Startups, die innerhalb der ersten fünf Jahre eine Marktkapitalisierung von mindestens einer Milliarde Dollar erreichen – weiter gewachsen ist: die Anstrengungen, die in Europa zur Forcierung neuer Geschäftsmodelle unternommen werden, sind verschwindend im Vergleich zu den Aktivitäten in Nordamerika und Asien.

Darüber kann auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, dass so viel Risikokapital wie noch nie nach Europa schwappt. Doch 5,7 Milliarden Dollar stehen nur für ein gutes Zehntel aller in den Monaten April bis Juni abgeschlossenen Deals weltweit. Vorne ist unverändert Nordamerika und hier vor allem die USA mit 1506 Abschlüssen im Gesamtwert von 23,7 Milliarden Dollar. Asien liegt nahezu gleichauf mit 1300 Deals für zusammengenommen 21,2 Milliarden Dollar. Diese Zahlen gehen aus einer Studie von PwC und CB Insights hervor, die jetzt veröffentlicht wurde.

Dabei heizt sich das Geschehen weltweit immer stärker auf: Während im ersten Halbjahr 2017 insgesamt knapp 90 Milliarden Dollar an Risikokapital in Startups und Spin-offs geflossen sind, waren es im gleichen Zeitraum 2018 bereits 99 Milliarden Dollar – also zehn Prozent mehr. Dabei wird das Volumen vor allem von den gestiegenen Investitionen in Asien und hier insbesondere in China stimuliert. Das zeigt sich auch daran, dass bereits drei der fünf aktivsten Risikokapitalgesellschaften ihren Sitz in China haben – auf den Plätzen 2 und 3 sitzen mit „Plug and Play Ventures“ und „500 Startups“ zwei kalifornische VC-Gesellschaften.

Schließt man aus den Investitionstätigkeiten auf die Zukunftsaussichten, dann wird es in der Tat eng für den Alten Kontinent. Hoffnung kann da allein aus der Tatsache geschöpft werden, dass 2018 insgesamt sechs Startups in Europa Unicorn-Status erreicht haben – mehr als in den beiden vorausgegangenen Jahren zusammengenommen. Aber auch hier liegt Asien mit 14 Einhörnern in diesem Jahr weit vorn.

Und es wächst auch nicht allzu viel nach. 1,2 Millionen Dollar flossen in den zurückliegenden drei Monaten durchschnittlich in jede neue Geschäftsidee – in Nordamerika fast doppelt so viel. In der Frühphase erhält ein europäisches Startup im Schnitt 5,4 Millionen Dollar – in Nordamerika 7,2. Lediglich in der Wachstumsphase liegt Europa mit 17 Millionen Dollar pro Startup auf einem guten Mittelwert. Doch dort, wo sich die Mega-Deals abspielen, bei den Startups, die es geschafft haben, ist Europa hoffnungslos abgeschlagen. Während hier 17,6 Millionen Dollar pro Deal investiert wurden, sind es in Asien 100 Millionen Dollar – im Schnitt.

Der digitale Wandel, die Erneuerung der Wirtschaft durch Startups, die Verbreitung neuer Geschäftsmodelle – all das ist nicht nur ein Wettlauf der Ideen, es ist auch ein Clash of Capital. Insofern hat der Handelskrieg von übermorgen vielleicht schon längst begonnen – mit deutlich stärkeren Auswirkungen auf den europäischen Arbeitsmarkt als die jetzigen Zoll-Zänkereien. Wagniskapital ist ein riskantes Spiel. Kein Kapital ist aber noch viel riskanter. Es wird an der Zeit, dass wir nicht nur über die Verschuldung der Staaten reden, sondern auch über das Verschulden der Regierungen. Wir brauchen mehr Risikofreude.

 

INSIDE ist das Magazin des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. (Startup-Verband). Der Startup-Verband ist Repräsentant und Stimme der Startups in Deutschland und engagiert sich für gründerfreundliche Rahmenbedingungen. Im Dialog mit Entscheidungsträgern in der Politik erarbeitet er Vorschläge, die eine Kultur der Selbstständigkeit fördern und die Hürden für Unternehmensgründungen senken. Der Startup-Verband wirbt für innovatives Unternehmertum und trägt die Startup-Mentalität in die Gesellschaft. Als Netzwerk verbindet er Gründer, Startups und deren Freunde miteinander. 

 

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